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Buchrezensionen

Klassische Homöopathie - Erkennen und verantwortlich handeln

Plattner, I.-E.
 
Verlag Müller & Steinicke, München 2000
Aus der Praxis einer klassischen Homöopathin
617 Seiten, gebunden
ISBN 3875691695

Preis: 75.00 EURO

Ein spannender Titel: Endlich jemand, der sich der Tragweite seiner Therapien bewusst ist! Das erste Durchblättern gibt einen tollen Eindruck: Viele Kasuistiken, sogar mit Repertorisationen und mit langen Verläufen. Immer wieder nahm ich das Buch in die Hand, begann hier, dann da zu lesen, dann von vorne und wurde trotzdem nicht ganz schlau. Dieses Werk versprüht zweifellos einen gewissen Charme, und zwar den Charme des Alltäglichen, das man in einer Praxis eben erlebt: nämlich dass zwischen "etwas erkennen" und "verantwortlich handeln" leider oft eine Lücke klafft, die nicht hundertprozentig gefüllt werden kann. Dafür gibt es oft ganz banale Gründe, die in den präsentierten Kasuistiken immer wieder durchscheinen:
• Es bleibt bei einer Folgekonsultation oder Telefon-Konsultation zu wenig Zeit, ausreichend zu dokumentieren; Patient und Behandler vergessen unweigerlich, später kann man dann meistens nur raten.
• Es fehlt die Niederschrift der Analysestrategie und Gedankengänge - wieso habe ich dieses Mittel jetzt verordnet? - so dass man einen Mittelwechsel ganz sicher ein Jahr später nicht mehr nachvollziehen kann.
Rasche Abfertigung eines chronischen Patienten mit einem neuen Mittel aufgrund zweier jetzt gerade aktueller Leitsymptome. Es existiert eine sehr gute und differenzierte Anamnese, dann aber erfolgt die Mittelgabe "aus dem Bauch" oder ohne Hierarchisierung aufgrund der Totalität aller Symptome, wobei durch Eintippen von mehreren sinngleichen (und nahezu mittelidentischen) Rubriken in den Computer bestimmte Mittel überbetont werden. Einige hängengebliebene Sätze aus einem Seminar oder Buch beeinflussen die Richtung einer Anamnese oder Auswertung einseitig. Allen diesen so typischen Problemen einer vollen Praxis begegnete ich in Frau Plattners Buch. Ihre Ehrlichkeit ist bewundernswert und gibt dem Buch eine ganz außergewöhnliche Note. Wer noch - außer Dr. Spinedi – publiziert Fälle, die schlecht laufen, bis man nach Jahren erst versteht, was sich wirklich abspielt, zum Lernen und Üben?! Das sind Fälle und Fall-Verläufe, wie sie das Leben schreibt - wer etwas anderes behauptet, möge mich als Schüler akzeptieren. Dahingehend ist dieses Werk absolut empfehlenswert für den Anfänger, der fast immer euphorisch in die Praxis läuft, um dann zu sehen, dass "die einfachen Dinge", wie eine banale Otitis oder Angina, durchaus große Herausforderungen darstellen können, und dass man selber an diesen schweren, multimiasmatischen chronischen Fällen und ihrem Verlauf verzweifeln kann. Charme hat das Buch, weil die Fälle dann trotzdem immer zu laufen beginnen, weil die Homöopathie und die Lebenskraft so wunderbar sind und wir nach einem Jahr mit einem oder mehreren falschen Mitteln endlich aufgrund unberührter oder neu aufgetretener Symptome auf ein gutes Mittel hingewiesen werden. Und natürlich sind viele, viele schöne Heilungsberichte und manch sensationeller Erfolg zu finden. Aber wie so oft im Leben: Das Glatte, "das Schöne" füllt den Bauch zu wenig. Nach einigen Seiten tritt ein Ermüdungseffekt ein. Bei den meist guten Anamnesen ist, oft selbst bei abgedruckter Repertorisation, die Arzneiwahl (aufgrund der oben zitierten fehlenden Hierarchisierung) nicht recht nachzuvollziehen. Die Mittelfolgen sind weder durchsichtig noch logisch, und das Buch steckt voller eingeworfener Platitüden, teilweise ohne direkten Bezug zum umgebenden Text - die in einer Veröffentlichung doch an sich irgendeiner Begründung oder einer Referenz bedürften. Als ob es sich um Skizzen handele oder das Buch nicht fertig editiert wurde und auf der Stufe des Diktates stehen blieb. Frage an den Verlag: Gab es denn hier keinen Lektor, der redigierte? Auf manchen Seiten hat man das Gefühl, man hat irgendetwas nicht gehört, so als belausche man ein wichtiges Gespräch zwischen zwei erfahrenen Homöopathen aus der Entfernung, und der Wind trägt den einen oder anderen Satz ans Ohr, und man wünscht: "Ach, könnte ich das Gespräch nur ganz erfahren, ich würde vieles gewinnen!" Es bleibt der Eindruck, dass hier etwas Bedeutungsvolles unfertig, ein David im Granitblock versteckt ist, und dass Frau Plattner nicht nur große Erfahrung, sondern auch große Einsicht in die Homöopathie besitzt und ihrem Buch trotz der fantastischen Seitenfülle einfach nur die Struktur fehlt, um dies darzulegen. Die Mittelgaben von Frau Plattner (z.B. Seite 147: LM 18 für drei Monate) in jenen chronischen Fällen, die nicht zur sofortigen Heilung führen, sind schwer zu beurteilen. Bei einer nicht passenden Q-Potenz sieht man ja innerhalb von Tagen die wegweisenden Symptome des besseren Mittels auftauchen; nach drei Monaten findet sich nur die Arzneimittelprüfung oder eine Spätverschlechterung. Bei derartigen Therapien hüpft man praktisch nur mehr von Arzneimittel-Prüfung zu Arzneimittel-Prüfung, wie wir es wunderschön dokumentiert vorfinden im Sepia-Fall auf der Seite 2502. Allerdings sind diese Abläufe im Buch bei guter Erstanamnese durch nachfolgend schwache Verlaufs-Dokumentation selten so klar sichtbar.
Dann wieder:
• gedanklich bemerkenswerte und interessante Analogien; bemerkenswerte Beobachtungen;
• ehrliches Eingeständnis von Behandlungsproblemen bzw. der Führung eines Falles.
All dies macht das Buch für mich zu einer interessanten Erwerbung. Es ist insofern entbehrlich, da man im Verhältnis zum Umfang (600 Seiten) verhältnismäßig wenig für die eigene Praxis mitnimmt; und vielleicht ist es sogar für den nicht so sattelfesten Homöopathen gefährlich aufgrund der Oberflächlichkeit mancher Aussagen, die ohne jedwede Erklärung oder Referenz nur als Meinung gelten können. Es ist charmant, da die Probleme der Praxis so unverblümt aufgezeigt werden. Und es ist lehrreich, da zwischen den Zeilen immer wieder ein Goldkorn versteckt ist - eine interessante Rubrik, eine schöne Analogie oder ein wichtiger Hinweis, den man so noch nicht gesehen oder erfahren hat. Hier war kein Meister am Werk. Hier arbeitet eine bemühte und anständige Homöopathin, kämpft wie viele von uns um ein besseres Verständnis, um deutlichere Einsicht in die zu Grunde liegenden Dynamiken und Prozesse zu gewinnen. Ob das genügt, 600 Seiten zu füllen? Ob das gerechtfertigt ist? Ich glaube letztendlich: Ja. Letztlich siegt das positive Gefühl über den immer aufkommenden Kritikaster, der bei jedem dritten Satz einwirft "das stimmt so nicht", "wo kommt das her, das kann man nicht einfach so behaupten", "das wäre ja sehr interessant, aber ein Satz dazu ist zuwenig". Dennoch: Ich behalte Inge-Ellen Plattners Buch in Ehren.

Dr. med. Helmut B. Retzek

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