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Seminarrezensionen

MATERIA MEDICA BEGREIFEN – SEMINAR MIT ARMIN SEIDENEDER

„Kann man Materia medica begreifen - ohne Aufwand?“ Diese Frage, verbunden mit der kleinen Hoffnung, dass es hierfür eine – bisher nur ungekannte – Lösung geben könnte, stellt sich wohl angesichts der Mühe, die mit dem Studium der Mate
 
Dafür bot der Verfasser von Mitteldetails der homöopathischen Arzneimittel - der wohl umfangreichsten Sammlung von Arzneimittelsymptomen - den Seminarteilnehmern in Stockdorf bei München vom 15.-16.09.2007 anhand der Arzneimittelbilder von Dulcamara, Medorrhinum und Nitricum acidum tiefe Einsichten in seinen eigenen Weg ein Arzneimittelbild zu erschließen.

Fast nebenbei entstand ein umfassendes Verständnis für die besprochenen Arzneimittel, welches von den meisten der zahlreichen Teilnehmer aus eigener Anstrengung nur schwer hätte erreicht werden können. Bei der Darstellung der Arzneimittelbilder bediente sich Seideneder der Symptomen-Sammlung aus C.M. Bogers Synoptic Key, welche seiner Ansicht nach die Vogelperspektive eines Mittels darstelle. Von allen Detailinformationen befreit, zeige es die wesentlichen Aspekte eines Arzneimittels, die Essenz dessen, was übrig bleibe, wenn nur der rote Faden betrachtet werde, der sich durch ein Mittel zieht. Anhand dieser Symptomenauswahl fügte Seideneder jedem einzelnen von Boger genannten Symptom mindestens eine genuine Quelle an, die das jeweilige Symptom verifizierte. Zahlreiche Kasuistiken, die bis auf wenige Ausnahmen alten Quellen entnommen wurden, vertieften das Verständnis für das jeweilige Symptom und im Zusammenhang damit auch für das gesamte Arzneimittelbild.

Nur durch eine solch intensive Auseinandersetzung mit einem Arzneimittel - die Teilnehmer wurden vorab aufgefordert, sich mit den vorgestellten Arzneimitteln gründlich zu befassen - und der von Seideneder ausdrücklich geforderten Nachbearbeitung gewinne man einen umfassenden Einblick und könne das angezeigte Arzneimittel schnell erkennen.
Bemerkenswert war die Vorarbeit, die der Dozent leistete: Den Teilnehmern wurde ein 260 (!) Seiten umfassendes Skript als Seminarunterlage ausgehändigt.

DULCAMARA

Das Arzneimittel Dulcamara werde laut Seideneder vermutlich viel zu häufig übersehen. Bekannt und von vielen Homöopathen eher stiefmütterlich behandelt, ist es üblicherweise als kleines Mittel, meist für Akutfälle im Herbst, aufgrund der bekannten Causa der Einwirkung von feuchter Kälte. Bemerkenswerterweise prüfte bereits Hahnemann das Arzneimittel und nahm das Arzneimittelbild sowohl in die Reine Arzneimittellehre, als auch in Die Chronischen Krankheiten auf. Das allein zeige den hohen Stellenwert, den Hahnemann Dulcamara beimaß. Anhand Kasuistiken alter Meister zeigte Seideneder, wie häufig auch langwierige chronische Fälle, in denen ein Homöopath zunächst möglicherweise an Rhus-t denke, erfolgreich mit Dulc. geheilt werden können.
MEDORRHINUM

Seideneder lässt - neben genuinen Quellen, die für ihn die Grundlage eines jeden erfolgreichen Arzneimittelstudiums darstellen - für ein umfassendes Verständnis eines Arzneimittels ebenso neuere Strömungen der Homöopathie gelten, wie z.B. Vithoulkas oder die "Bad Boller Schule". Dass es sich hierbei keinesfalls um "reine Ergrübelungen" handele, stellte der Dozent anhand des Arzneimittelbildes von Medorrhinum dar: Würde man sich ausschließlich auf die alten Quellen stützen und die neueren Erkenntnisse der Geistes- und Gemütssymptomatik nicht berücksichtigen, würde Medorrhinum viel zu selten verschrieben.

Das Gegenteil ist jedoch auch der Fall: Beim Studium der akuten Kasuistiken aus genuinen Quellen wurde ebenso deutlich, dass häufig gute Med.-Verschreibungen übersehen würden, wenn eine bestimmte erlernte und standardisierte Gemütssymptomatik erwartet wird. Mitnichten müsse ein Med.-Patient zwangsläufig die typischen Gemütssymptome aufweisen, um eine erfolgreiche Verschreibung zu rechtfertigen. Überzeugende Kasuistiken verifizierten die Richtigkeit eines solchen, die ganze Spannweite der Möglichkeiten und Richtungen beinhaltenden Vorgehens.

NITRICUM ACIDUM

Das Arzneimittelbild von Nitricum acidum wurde ebenso akribisch herausgearbeitet. Bekannte Symptome, wie z.B. "Stechen" als allgemeine Schmerzqualität und "Schmerz wie von Splittern" als charakteristische Schmerzqualität, "scharfe Absonderungen", wurden anhand zahlreicher Quellen differenziert betrachtet. Dabei waren auch hier differenzialdiagnostische Hinweise des profunden Materiamedica- Kenners wichtige Ergänzungen. Insbesondere Arum triphyllum, nach Farrington das wichtigste Mittel bei malignem Scharlach, und Lachesis wurden herausgestellt. Zudem werde laut Seideneder das Symptom "langer Groll gegen Beleidiger" viel zu häufig und zu stark hervorgehoben. Natrium muriaticum sei beispielsweise wesentlich nachtragender als Nitricum acidum, welches eher eine Gereiztheit im Sinne von "ich reagiere über" zeige. "Bösartigkeit" dagegen sei auf alle Prozesse von Nitricum acidum generalisierbar.

GENUINE QUELLEN ALS GRUNDLAGE DER ARZNEIMITTELSTUDIEN

Seideneder stützt sich bei seiner Arbeit im Wesentlichen auf zuverlässige alte Quellen und betonte ausdrücklich, dass man das geniale Wissen der alten, noch ohne Zuhilfenahme von Repertorien verschreibenden Homöopathen, nicht brachliegen lassen dürfe. Die Schätze, die in vielen und zu großen Teilen noch nicht verwerteten Kasuistiken alter Meister versteckt liegen, müssen genutzt werden: Dieses verifizierte Wissen liefere zuverlässige Details homöopathischer Arzneimittel und biete so die Möglichkeit, die Materia medica zu erweitern und vervollkommnen.

FAZIT

Die Seminarteilnehmer profitierten von den enormen Kenntnissen von Armin Seideneder in hohem Maße und zollten seinen detaillierten und arbeitsintensiven Quellenstudien zu Recht reichlich Respekt. Spätestens nach dem Seminar wurde jedem Teilnehmer allzu deutlich, dass sich fundierte Arzneimittelkenntnisse als Grundlage einer guten Verschreibung nur durch akribische Auseinandersetzung mit allen zur Verfügung stehenden Quellen erreichen lässt.
Sabine Mühlbauer, die Veranstalterin des perfekt organisierten Seminars, hob abschließend die große Fähigkeit des Dozenten hervor, sich aller zur Verfügung stehenden Quellen bedienen zu können und ein sinnvolles Ganzes daraus entstehen zu lassen: "Wenn es jemanden gibt, der die verschiedenen Richtungen in der Homöopathie einen kann, dann ist es Armin Seideneder".
Wer sich von der Arbeit und den tiefen Arzneimittelkenntnissen von Armin Seideneder inspirieren lassen möchte, hat auch in Zukunft Gelegenheit hierzu. Am 13. und 14. 09. 2008 wird Armin Seideneder wieder Dozent in Stockdorf sein und die Arzneimittelbilder von Psorinum, Carbo animalis und Kreosotum vorstellen.

YVONNE WALKER

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